Nujel'm/Geschichte
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980-950 v.Z. - Die Strafkolonie Neuheim
In den Dschungeln des tiefen Südens mag es durchaus heisser sein, trockener aber ist es gewiss auf Nujel'm und daran ändert auch die Nähe zum Meer nichts. Solche Umstände scheinen für eine Besiedlung denkbar ungeeignet, dennoch beginnt die bekannte Geschichte vor etwa 1000 Jahren. Dabei zeigt sich, dass eben jene Anfänge weit weniger rühmlich sind, als das stolze Selbstverständnis der Bewohner möchte.
"Ein wertloser Sandhaufen, für nichts anderes geeignet als das Aussetzen meuternder Matrosen."
So kurz und knapp wird die älteste bekannte schriftliche Erwähnung Nujel'ms gehalten, kaum mehr als eine mit Positionsangaben versehende Randnotiz im Logbuch des Forschers Karnobert Marem.
Kein Wunder, dass sich eine gute Weile niemand für den "Sandhaufen" interessierte - später jedoch entsann man sich durchaus der Empfehlung des Seefahrers.
In den Chroniken Britains finden sich Hinweise darauf, dass Nujel'm ab etwa dem Jahre 978 v.Z. als Strafkolonie diente, regelmäßig wurden verbannte Verbrecher oder Personen, die zu beseitigen man nicht wagte, auf das karge Eiland geschafft, das den Quellen zufolge Neuheim getauft wurde.
Dem zumindest nominell unter britannischem Protektoriat stehendem Eiland wurde der Status einer echten Kolonie verwehrt, weshalb es nie einen Grafen zu Neuheim gab, genausowenig wie einen Gouverneur oder andere reguläre Truppen - man schien entschlossen alle Verbannten sich selbst zu überlassen.
Die Geschichte Neuheims hätte an dieser Stelle faktisch schon beendet sein können - die Gluthitze forderte ebenso wie der Nahrungs- und Wassermangel harschen Tribut. Den Berichten des Britannischen Kapitäns Hiram Marake entnehmen wir, dass erbitterte Kämpfe um die einzige Süßwasserquelle an der Tagesordnung waren, auch noch düstere Umstände werden geschildert.
"An diesem Ort fällt die erbärmliche Hülle der Zivilisation von den Menschen ab und der tollwütige Wolf kommt zum Vorschein. Jeder kämpft gegen Jeden und es gibt keine Hand, an der nicht das Blut eines Schwächeren klebt. Jeden neuen Gefangenen liefern wir dieser Hölle aus und die meisten von ihnen sind ein Festmahl für die alteingesessenen Überlebenden, die nur darauf warten ihre unglücklichen Schicksalsgenossen zu verspeisen. Meine Männer stehen durchgehend unter Waffen, bereit wahnwitzige Verzweiflungstaten abzuwehren."
Das Schicksal Neuheims änderte sich erst mit der Deportation einer Frau namens Visabia Argelis, der es gelang die stärkste Fraktion auf der Insel zu übernehmen. Ihr bisweilen in Visionen gipfelnder Wahnsinn stieß inmitten der ausgedörrten Menschen auf fruchtbaren Boden - umsomehr, da ihre Ahnungen durchaus Recht behalten sollten.
Itams Exodus wird der Auszug von der belagerten Westquelle zum Ostteil der Insel genannt, wo eine zweite Süßwasserquelle entdeckt wurde - eben einer solchen Vorhersage Visabias folgend.
Düstere Gerüchte sprechen von einem in Blut zu entrichtenden Preis, der an ungenannte Kreaturen für die Quelle zu entrichten war, nähere Angaben finden sich dazu jedoch nicht.
Tatsächlich sind die Informationen über die weitere Entwicklung sehr dünn, an beiden Quellen als dem Mittelpunkt des Lebens, entwickelten sich minimalistische Siedlungen, aufgebaut aus gutem Willen, Sand und Treibholz.
Bezeichnenderweise wurden die Britainer erst ein gutes Dutzend Jahre später gewahr, dass es mittlerweile einen zweiten Siedlungspunkt gab, eine flüchtige Notiz in noch vorhandenen Akten mißt diesem Umstand jedoch keinerlei besondere Bedeutung bei.
Die Ausplünderung des britannischen Volkes durch König Hedring in den Jahren 963 bis 950 v.Z. erwies sich als bitteres Schicksal für die Verbannten, zugleich aber als Segen für Neuheim. Lakonisch erzählen noch existierende Transportberichte davon, wie Priester, Magier und Adelige wahllos auf das sandige Eiland geschafft wurden und damit die Veränderung einläuteten.
Ganz anders als Strauchdiebe, Wegelagerer oder Diebe vermochten es gerade die ausgebildeten Zauberer gegen die Unbillen Neuheims zu bestehen, die eigenen Fähigkeiten verschafften nicht nur den abergläubischen Respekt der gewöhnlichen Anwohner, sondern wirkten auch als universelles Werkzeug.
Binnen kurzer Zeit kehrte eine autokratische Ordnung ein, erzwungen von der überlegenen Macht der Neuankömmlinge, die ihre freiheitlichen und freidenkerisch-philosophischen Wünsche entweder schnell den harten Umständen anpassten - oder starben.
953 v.Z. wurde der britannische Graf Dregan Hardes von Redesklamm in seinem eigenen Haus verhaftet und nach Neuheim deportiert - eine Gelegenheit, die loyale Anhänger des Adeligen zu nutzen wussten.
Im Handstreich wurde das in Vesper Wasser aufnehmende Schiff gekapert und von Gefolgsleuten des Grafen bemannt, er selbst aus den Ketten befreit.
Verfolgt von alarmierten Karavellen verfielen die Fliehenden auf die tolldreiste Idee sich an den einzigen Ort zu retten, wo es zu dieser Zeit eine echte Opposition gab - Neuheim.
Die Flüchtlinge landeten unbehelligt auf der Insel - während sich die Verfolger damit begnügten unweit Anker zu werfen, um abzuwarten, wie die Anwohner auf die Verlockung eines möglichen Fluchtschiffes reagieren würden.
Am fünfzehnten Tag des sechsten Mondes im Jahre 953 v.Z. kam es zum Zusammentreffen zwischen dem verbannten Grafen Dregan Hardes von Redesklamm und der Führerin des Ostlagers, Visabia Argelis und zu aller Erleichterung kam es nicht zu einem blutigen Gemetzel, sondern zum später vielfach glorifizierten "Bund von Sand und Tränen".
Spätere Geschichtsschreiben fanden Worte wie "blumig", "liebreizend" und "edel" als Attribute für Visabia - Bezeichnungen, die zu ihren Lebzeiten nie irgendjemand mit ihr assoziiert hätte.
Erstmals befanden sich nun Waffen auf der Insel, Waffen - und ein Schiff. Kaum verwunderlich, dass die Verfolger nicht daran dachten sich zurückzuziehen, sondern misstrauisch darauf warteten, dass der Anker wieder gelichtet wurde. Das Erstaunen war gross, als man stattdessen begann die gekaperte "Sturmschnelle" zu zerlegen - ganz als wollten die Flüchtlinge sich wohnlich einrichten, wurde das gesamte Schiff verbaut.
Fragmentarische Berichte lassen auf die Verwunderung der königstreuen Seefahrer schliessen, die vielleicht den wahren Grund für die Entscheidung des Grafen nicht entdeckten, sehr wohl aber bemerkten, dass damit der Rückweg ans Festland im wahrsten Sinne des Wortes "verbaut" worden war.
Scharfsinnig wurde aus dem Vorkommnis ein "Auftrag erfüllt" konstruiert - zwar war die "Sturmschnelle" verloren, aber immerhin war die Deportation ja erfolgreich gewesen: Die Gefangenen befanden sich auf Neuheim.
Angesichts der Gefahr bei einem Fehler selbst demnächst verbannt zu werden, wurden die Geschehnisse vertuscht und die Wahrheit erreichte den Britannischen Hof nie ..
Noch vor dem Ende diesen Jahres wurden die beiden getrennten Ansiedlungen auf Neuheim vereint, die reichhaltigen Werkzeuge der "Sturmschnelle" ermöglichte erstmals so ertragreichen Fischfang, dass der Kannibalismus beendet wurde. Die Erleichterung des Überlebenskampfes ermöglichte es den Zauberern wiederum ihre Kräfte für entferntere Ziele einzusetzen.
Anfang 951 v.Z. gelang erstmals die Beschwörung eines Erdelementars der einen Teil des trockenen Sandes an der Ostquelle in fruchtbare Erde verwandelte. Wohl zum ersten Mal seitdem die Neuheim vom Meer freigelegt worden war, wuchs etwas anderes als verkrüppelte Dornpflanzen auf dem Eiland. Noch weitere drei Mal gelang es Erdelemente zu solche einer Umwandlung zu überreden, eine Aufgabe, die mit jedem Mal schwieriger wurde - aus Gründen des harmonisch-elementaren Gleichgewichts - wie die Magier wenig erfreut darlegten.
Dennoch hatte sich die Lage der Strafinsel beträchlich verbessert.
950 v.Z. wurde König Hedring von Britain gestürzt und die Auswirkungen wurden auch im sandigen Neuheim spürbar - im Frühjahr des kommenden Jahres erreichte eine Flotte von Vesper aus die Insel und lieferte Holz, Steine, Nahrungsmittel, Saatgut und Werkzeuge. Gut zwei Drittel der bisherigen Anwohner ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und kehrte dem Eiland den Rücken um fern der See die Strapazen zu vergessen - die durch den Zunftrat ausgesprochene Generalamnesie bezog Neuheim ausdrücklich mit ein.
950-933 v.Z. - Gründung Nujel'ms, Das Astraldelta
Die Verbliebenen nutzten die neuen Möglichkeiten um Sand buchstäblich in Gold zu verwandeln - während Grabungen auf der Suche nach weiteren Quellen, entdeckte man im Frühling 948 v.Z. zwar kein Trinkwasser, dafür jedoch eine unterirdische Kaverne, angefüllt mit vergilbten Knochen, uralten Rüstungen, Waffen und fremden Artefakten.
Zeugnisse einer gewaltigen Schlacht, die keinen Sieger gesehen hatte - aber die Entdecker erkannten augenblicklich das Potential hinter dem gewaltigen Grab.
Keine 24 Stunden später erklärte Neuheim sich zur unabhängigen Freistadt "Nujel'm" und begann als souveräner Besitzer des gesamten sandigen Grund und Bodens mit der Verwertung des Fundes.
Wochenlang wurden Fundstücke gesammelt und katalogisiert, geprüft und bewertet, bevor man vorsichtig mit dem Verkauf der als weniger wertvoll eingeschätzten Stücke begann: Zumeist obskur geformte Knochenstücke, aber auch die elfenbeinernen Hauer bald baumhoher Kreaturen.
Die eigentliche Entdeckung sollte jedoch erst ein Jahr später erfolgen - beim Sichten verschiedenster Artefakte stieß der Magier Leonhard Cerbin auf in Kristallen gespeicherte Thesisfragmente, die revolutionäre Erkenntnisse über das Zusammenwirken von Raum und Bewegung bot, innerhalb von vier Jahren gelang es dem Gelehrten aus den vorliegenden Fragmenten die Grundlagen der heutigen auf Runen basierenden Bewegungszauberei zu entwickeln.
Erstmals schien es möglich auch größere Entfernungen durch Magie zu überwinden, die Entwicklung eines Vorläufers des heutigen "Recall" erwies sich im Gegensatz zur schwierigen Runen-Einprägung indes als geradezu trivial - bis die immerwährende Inkontinuität des Raums auch nur als beträchtliche Schwierigkeit erkannt wurde, verschwanden gut vier Dutzend Versuchsobjekte aufs Nimmerwiedersehen im Irgendwo - darunter auch die geliebte Katze Leonhards.
944 v.Z. gelang der erste erfolgreiche Selbsttransport an einen via Rune markieren Ort und damit wurde der Grundstein für die spätere Magierinsel Nujel'm endgültig gelegt.
Angelockt von der Möglichkeit den phänomenalen Erfolg des Kollegen zu wiederholen und selbst Ruhmeslorbeeren zu verdienen, begann das, was spöttisch als der "Zweite Exodus" bezeichnet wurde - von ganz Schattenwelt strömten Zauberer heran um das vorwiegend aus Knochen bestehende Lamm zu schlachten ..
Binnen einer Dekade wurden die erste Fassung des "Recall" und des "Mark" mehrfach verbessert, dann gelang es der ursprünglich aus Moonglow stammenden Aleida C'ainthe die Nuss zu knacken, an der sich bis dato die mit Feuereifer arbeitenden Collegae die Zähne ausgebissen hatten: Die erfolgreiche Adaption der geheimnisumwölkten Mondtore auf das Medium der Spruchzauberei.
Zugleich markierte diese Entdeckung das Ende der sprudelnden Neuentdeckungen - zumindest zeitweilig. Das Versiegen der Ostquelle war ein erstes warnendes Zeichen, sprechender Sand und brennendes Wasser ein Weiteres - dann brach im heissen Winter 933 v.Z. die Katastrophe über die Insel herein: Während einer Demonstration des neuen Reisezaubers kam es zu einer verheerenden, sich rasch ausweitenden Sphärenruptur mit damit einhergehender völliger Umstülpung des Realitätsgefüges.
Die Berichte über die Katastrophe wurden weltweit in den glühensten Farben und mit erhobenen Zeigefinger geschildert - allgemein wurde davon ausgegangen, dass ein Gott mit den Magiern die Geduld verloren hatte.
Nur wenige der zahlreichen Zauberer hatten den Kataklysmus überlebt und dabei nicht den Verstand verloren - jene, die auf Nujel'm blieben, machten wenig später aber eine bemerkenswerte Entdeckung: Die bis dato als unveränderlich angesehenen Kraftlinen hatten sich offenbar verschoben und bündelten sich zerfasernd über der Insel ohne dabei einen echten Nexus zu bilden - aus der Feder des Magus Wernheis Laogh stammt der Begriff "Astraldelta" für das feinmaschige, bald an Wurzelwerk erinnerndes Geflecht.
930-730 v.Z - Die Magierinsel
Günstige Vorraussetzungen für Zauberwirker - aus diesem Grunde siedelten sich rasch wieder Mitglieder der magischen Zunft an. Trotz eines ausdrücklichen Bannes wurde andernorts weiter mit dem Mondtorzauber experimentiert, was zwar bisweilen zu Unfällen, nie aber zu ähnlich katastrophalen Ergebnissen führte.
Eine erhalten gebliebene Chronik macht indes deutlich, wie sich die Bevölkerung auf Nujel'm entwickelte: Im Jahre 882 v.Z. waren gut drei Viertel aller Anwohner magisch begabt, die Rate an zauberfähig geborenen Kindern übertraf den Schnitt der restlichen Welt mehr als deutlich, trug damit ihren Teil für die Verstärkung der offenkundigen Tendenz bei.
In den folgenden Jahren entwickelte sich langsam das Bild Nujel'ms, welches den Besucher auch heute noch erwartet: Weitläufige Sandstein und Marmorbauten, gepflasterte Wege und gepflegte kleine Gärten, die nur aufgrund der Magie vor der unbarmherzigen Sonne Bestand hatten.
Wenngleich sich keine direkte magische Schule auf dem Eiland gründete, so hatte Nujel'm doch schnell den Ruf eines ausgezeichneten Bildungsortes für angehende Zauberer inne - nirgendwo sonst konnte derart geballte Kompetenz auf kleinem Raum angetroffen werden, bis etwa 730 v.Z. blühte die Insel unbehelligt von allen Wirren beständig auf, Macht, Einfluss und Reichtum gewinnend.
730-635 v.Z. - Piraten
Der traditionell aus 11 Magiern bestehende Stadtrat schloss im Frühherbst 726 v.Z. einen Bund mit dem eher verschlafenen Ocllo um die bis dahin gemächlichen Handelsbeziehungen zu verstärken - nicht, dass Nujel'm ausser magischem Wissen etwas zu exportieren gehabt hätte.
Die regelmässigen Lieferungen von Holz und Steinen wurden indes rasch als Ziel wagemutiger Piraten ausgemacht und entfachten Grimm auf Seiten der Beraubten. Ohne dass die Seeräuber sich jemals einer echten Konfrontation gestellt hätten, entgingen sie immer wieder jeder Vergeltungsaktion und liessen die Zauberer Nujel'ms wie Narren dastehen.
Schliesslich fand man sich zähneknirschend damit ab, dass die Piraten ein Ärgernis darstellten, dass auszurotten zu kostspielig war und zahlte regelmäßiges "Schutzgeld" ..
Bis etwa 650 v.Z. fuhr man auf allen Seiten gut damit, dann jedoch kam es zur Spaltung der bis dahin immer geschlossenen agierenden Seeräuber und Magincia wurde besiedelt - im Nu nahmen die Überfälle Ausmaße an, die weder von den Nujel'mern noch von den Oclloern toleriert werden konnten.
Dennoch dauerte es noch einige Jahre, bis es schliesslich gelang die Feste Falkwin auf dem damals noch "Aarengard" heissenden Magincia zu zerstören - ein Rachefeldzug der heimatlos Gemachten endete vor Nujel'm in rauchenden Trümmern an der Schlagkraft der Zauberer.
